In Pulitzer recherchiert ihr als investigative Redaktion in den USA der 1970er-Jahre an einem brisanten Report und versucht, unter Zeitdruck und Konkurrenz den Pulitzer-Preis zu gewinnen.

Watergate-Skandal und Pentagon Papers: Zwei Begriffe, die exemplarisch für die investigative Kraft des Journalismus in den USA der 1970er-Jahre stehen. Namen wie Bob Woodward, Carl Bernstein und ihr Chefredakteur Ben Bradlee von der Washington Post sind untrennbar mit dieser Ära verbunden – sie deckten mit Hartnäckigkeit, Mut und akribischer Recherche Skandale auf, die die politische Landschaft nachhaltig veränderten.
In ein solches Klima versetzt uns das neue Brettspiel Pulitzer. Wir leiten eine investigative Redaktion und versuchen, mit begrenzten Ressourcen, klugen Entscheidungen und etwas Glück einen Report zu recherchieren, der uns den Pulitzer-Preis einbringen könnte.
Pulitzer: Der redaktionelle Druck ist spürbar
Wir müssen unsere Redaktion koordinieren, Journalisten in Stadtviertel entsenden, in Archiven wühlen, Beweise sichern, Kontakte pflegen und Artikel veröffentlichen – alles mit dem Ziel, Reichweite und Prestige aufzubauen. Die Rollen in unserem Team sind dabei klar verteilt. Jeder Meeple hat eine bestimmte Stärke, doch ihre wahre Einsatzkraft bleibt bis zur Auflösung der Aktionen verdeckt. Erst dann zeigt sich, wer an einem Ort die Nase vorn hat.
Ein zentrales Spielelement in Pulitzer ist das eigene Ermittlungsboard: Mit Faden und Stecknadeln(!) verknüpfen wir dort Beweise, die wir im Laufe der Partie gesammelt haben. Diese Beweisketten sind nicht nur atmosphärisch, sondern auch spielentscheidend: Wer nicht mindestens fünf markierte, relevante Beweise aus seinem Report zusammenträgt, geht bei der Endwertung leer aus – zumindest in der Standardversion. Ja, nach rund 90 Minuten Spielzeit fühlt sich das ziemlich hart an!


Taktisches Workerplacement auf dem Spielfeld
Ein Highlight ist der Kiosk, in dem Artikel veröffentlicht und so Einnahmen generiert werden. Doch auch hier herrscht Konkurrenzdruck: In einem Raster aus Zeilen und Spalten liefern sich die Spieler in jeder Runde ein taktisches Tauziehen um Punkte, Boni und Reichweite. Wer eine Zeile dominiert, erhält Belohnungen wie Geld oder Sonderaktionen. Wer eine Spalte dominiert, erweitert die Reichweite seiner Zeitung um neue Haushalte und sammelt mit den kleinen bunten Holzhäuschen wertvolle Siegpunkte. Besonders spannend wird es durch die verdeckten Einsätze: Da alle Journalistinnen und Journalisten mit verdeckten Stärken (Wert 1 bis 5) platziert werden, bleibt bis zur Auflösung unklar, mit wie viel Durchsetzungskraft die Konkurrenz antritt. Das sorgt für taktisches Bluffen und fördert das Einschätzen der gegnerischen Strategie.
Das Brettspiel Pulitzer aus dem spanischen Tranjis Verlag (Vorbestellung und Pick-up auf der SPIEL Essen möglich) steckt voll von kleinen taktischen Entscheidungen: Setze ich auf kurzfristige Erfolge oder verfolge ich stur meinen Report? Versuche ich, mit starker Konkurrenz am Kiosk mitzuhalten, oder nutze ich meine Möglichkeiten lieber in ruhigeren Bezirken? Wie nutze ich meine Spezialaktionen am effizientesten? Und lohnt sich der riskante Einsatz in der Hoffnung auf den einen fehlenden Beweis?


Pulitzer – Fazit und Wertung:
Gespielt haben wir Pulitzer mit vier und fünf Personen, wodurch das Worker Placement wegen der begrenzten Ressourcen thematisch gut rüberkommt. Aber auch ein Solomodus und eine Zwei-Spieler-Variante sind vorhanden: Sie bringt mit Regierungsagenten ein interessantes semi-kooperatives Element ins Spiel, aber das Gleichgewicht zwischen Wettbewerb und Zusammenarbeit erfordert hier ein feines Gespür und Vertrauen in den Mitspieler.
Thematisch ist Pulitzer ohne Frage eine echte Besonderheit. Der Beruf der Journalistinnen und Journalisten wird nicht romantisiert, sondern als ständiger Kampf gegen Zeitdruck, Ressourcenknappheit und politische Einflüsse dargestellt. Es ist ein Spiel über Recherche, nicht über Sensation.
Nicht alles läuft rund. Die Ermittlungsboards mit Stecknadeln und Fäden sind ein gelungener Eyecatcher in einem wirklich hochwertig produzierten Brettspiel, brauchen aber viel Platz und behindern in ihren Pappständern gelegentlich die Sicht.
Was uns spielerisch weniger gefallen hat, ist der Glücksfaktor, der sich nur bedingt kontrollieren lässt. Zwar kann man durch geschickten Einsatz stärkerer Journalisten oder zusätzlicher Aktionen im Archiv die Ausbeute an gezogenen Karten erhöhen, aber manchmal bleiben die entscheidenden Hinweise fürs eigene Ermittlungsboard einfach aus. Ich habe dann wenig Einfluss darauf, welche Verbindungen ich mit Faden und Pins auf meinem Report markieren kann; sprich: Wenn ich die falschen Karten aufdecke und zu wenige Schritte auf dem Board weiterlaufen kann, gehe ich in dieser Runde eventuell leer aus. Reporterpech!
Die alternative Spielvariante, bei der jeder Spieler punktet, aber nur besonders gute Recherchen mit Bonuspunkten belohnt werden, wirkt hier deutlich versöhnlicher – und sorgt für ein runderes Spielgefühl.

Pulitzer – auf einen Blick:

Pulitzer ist ein atmosphärisch dichtes und thematisch außergewöhnliches Spiel mit origineller Mechanik. Für einen echten Strategie-Hit fehlt jedoch mehr Kontrolle beim Ziehen und Verknüpfen der Hinweiskarten – der Glücksfaktor bleibt spürbar.
Autor: David Vaquero, Illustration: Juan David Vargas | Tranjis Games | 2025 | 1 bis 5 Personen | ab 14 Jahren | bis 90 Minuten
Pro
- hochwertiges, außergewöhnliches Material
- atmosphärisches Thema
- verdecktes Worker Placement als spannender mechanischer Kniff
Contra
- Ermittlungsboards benötigen Platz und verdecken Sicht
- hohes Maß an Zufall beim Kartenziehen
- könnte mehr Spannungsbogen zum Ende hin haben
Hinweis: Wertungen vergeben wir im Bereich 0 bis 4 Sternen. Spiele mit 0-1,5 Sternen sind sind schlecht, mit 2 bis 2,5 Sternen durchschnittlich. Ab 3 Sternen beginnen die empfehlenswerten Spiele. Nur außergewöhnliche Titel erhalten 4 Sterne („Four-Star Game“).



